Tintenblau Blog

Bücherwürmer

01.03.2013
von Margarete Kowall

buecherwurm

Für die Hainfeld-Info zum Schwerpunkt Buch habe ich mir so meine Gedanken gemacht. Denn es ist eine eigenartige Gattung Mensch, die manchmal als Bücherwürmer oder Büchernarren bzw. -närrinnen verspottet, oft auch als Leseratten und – selten und vornehmer – als Bibliophile tituliert werden.

Sie sammeln Bücher. Sie sammeln Bücher, weil sie sie lesen wollen, weil sie sie haben wollen, weil sie sie schön finden, weil sie in ihnen blättern und sie riechen wollen. Niemals würden sie Bücherschätze ansammeln, um sie in Notzeiten zu verkaufen. (Das wäre, mit Verlaub gesagt, auch ganz besonders weltfremd – um nicht zu sagen dumm. Bücher kosten zwar mitunter viel in der Anschaffung, sind aber keinesfalls als Wertanlage zu betrachten wie ein Blick in ebay, willhaben oder amazon verrät. Nur bei Antiquitäten unter den Büchern kommt die Lesebrille auf den Ohren angesichts der oft mehr als vierstelligen Summen ganz schön ins Wackeln.)

Bücherwürmer ganz allgemein, in der Folge nur mehr BWs genannt, unterscheiden sich von Normalsterblichen durch die abnorm größere Anzahl ihrer Bücher und auch dadurch, dass sie sich selten bis nie von einem Exemplar trennen, außer sie haben dadurch die Chance, noch mehr Bücher anstelle dieser zu erwerben.

Besitzen Menschen, wenn überhaupt, meist ein Bücherregal pro Wohnung, kann es vorkommen, dass BWs mehr Bücher als Wohnraum, einschließlich Badezimmer, Klosett, Garage, Keller, Dachboden und Gartenhäuschen ihr Eigen nennen. Als Notlage empfinden sie das nicht. Nein, Not bereitet ihnen nur der Gedanke, dass sie gerne noch alle, alle lesen wollen, bevor sie die Lesebrille für immer abgeben müssen.

Je mehr das Leben also voranschreitet, desto öfter taucht die Frage auf, werde ich das auch noch schaffen? Sterbe ich nicht vorher? Nun werden die einzelnen BWs Strategien entwickeln, wie sie genug Zeit finden könnten um alles zu lesen. Der Haken: Während sie sich die Nächte um die Ohren schlagend und am nächsten Tag trübe bei ihrer Arbeit sitzend, in der Bahn, an der Ampel, beim Kochen, im Wartezimmer, bei der Arbeit, auf dem Schilift, auf dem Golfplatz, vor dem Konzert, während des Konzertes, nach dem Konzert, bei einem Gespräch mit dem Herzallerliebsten, zwischen den Wehen, beim Stillen, auf dem Spielplatz, in der Pause, während der Stunde (unter der Schulbank), auf dem stillen Örtchen, beim Zähneputzen, in der Badewanne, bei oder anstelle von langweiligen Einladungen, am Strand, etc. pp. fleißig lesen, lesen und lesen, haben sie schon wieder so viele neue Bücher dazu erworben, geschenkt bekommen, im Altpapier gefunden, von Flohmärkten heimgetragen, und, horribile dictu, für immer ausgeborgt oder sonst wo mitgehen lassen, (jetzt können Sie schnell vor Beendigung dieses Monstersatzes Atem holen) dass sie es niemals schaffen werden, alle zu lesen. Dieses an sich traurige Schicksal wird gemildert von der täglichen Freude, immer von ihren ganz speziellen Freunden, den Büchern umgeben zu sein.

Zu beneiden sind auf jeden Fall die Erben, vorausgesetzt, sie haben auch den Bücherwahn geerbt, ansonsten: viel Glück beim monatelangen Abtransport der Schätze.

Nicht vollends identifizieren kann ich mich mit einer Buchkritik zum Phänomen BWs 1): „…(dem Autor) erscheint der menschliche Bücherwurm bei genauerem Hinsehen… als melancholisch zurückblickender Nostalgiker inmitten einer sich bis heute rasant wandelnden Wissensgesellschaft. …nur mit Blick auf eine prachtvolle Bibliothek kann er sich noch einmal zurückträumen in jene Welt der Vormoderne, in der das ganze Wissen der Menschheit noch tröstlich zwischen zwei Buchdeckel zu passen schien.“

Dieser Artikel selbst so wie auch viele Bücherbloggs2) und andere Orte des Austausches und der gemeinsamen Lesefreude zeigen aber auch eine andere, nicht weltfremde „site“ eines BWs auf. Diese vernetzten BWs stehen mit beiden Beinen und manchmal auch mit einem I-Pad in der Hand auf dem Boden der Gegenwart.

Zur kurzen und abschließenden Beschreibung eines BWs passt dennoch auch ein weiteres Zitat:

Wie die meisten Wahnsinnigen lebt auch der Bücherwurm in seiner ganz eigenen Welt und wir mutmaßen, dass er in dieser Welt ein sehr glücklicher Mensch ist.”4) Stimmt absolut!
Margarete Kowall, bekennende BW

 

1) und 4): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1429480/ Hektor Haarkötter: “Der Bücherwurm.

2) Siehe dazu: Der Buch-Review und Leseratten Blog http://buechernarren.wordpress.com/

 

 

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